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Rosenmontag: 03.03.2014
der Zoch kütt in
Historisches
Wer Düsseldorfs Karneval besonders wohl will, führt seinen Ursprung - ungeachtet jeder historischen Genauigkeit - auf die Zeit der Stadtgründung, also bis ins späte 13. Jahrhundert zurück. Der Wunsch ist hier der Vater närrischer Gedanken. Jeck aufgeführt haben werden sich die Einwohner des Fischerdörfchens an der Mündung der Düssel in den Rhein ohne Frage. Aber von Karneval kann da ebenso zweifellos keine Rede sein.
Selbst unseren Fastelowend mit dem Geckenorden in Verbindung zu bringen, der gelegentlich als stummer Kronzeuge für karnevalistisches Treiben in Düsseldorf im Jahrhundert darauf ins Feld geführt wird, bedarf reichlicher Kühnheit und Phantasie. Die Geckengesellschaft, die sich da zusammenfand, hatte eher mit Kleve zu tun - jedenfalls traf sie sich dort jährlich. Den Geckenorden stiftete nach alter Darstellung im November 1381 Graf Adolf von der Mark, der mit keinem der hohen Herren namens Adolf identisch ist, die Düsseldorfs Geschichte beeinflusst haben.
Jener Adolf verehelichte sich zur Sicherung der Erbfolge seines Hauses- der ältere Bruder Engelbert hatte eine Tochter - mit Margaretha von Jülich und Berg und wurde so allerdings Ahnherr der Düsseldorfer Landesherren aus dem Hause Kleve, die zwischen 1511 und 1609 regierten, also von Herzog Johann bis Herzog Johann Wilhelm, nicht zu verwechseln mit seinem späteren Namensvetter, von seinen Untertanen liebevoll Jan Wellem genannt. Mit dem Geckenorden läßt sich Düsseldorf lediglich insofern in Verbindung bringen, als die Stiftungsurkunde hier seit langem im Hauptstaatsarchiv deponiert ist.
Ohnehin streiten die Gelehrten seit langem darüber, ob es sich bei der "geselscap van den gecken" tatsächlich um eine Organisation von Jecken in karnevalistischem Sinne handelte. Manches läßt darauf schließen. Die Mitglieder, vornehmlich Adlige, die auf Zeremoniell und steife Förmlichkeit verzichteten und - bei gleichen Rechten und Pflichten - in brüderlicher Freundschaft einander zugetan waren, trugen als Ordenszeichen bei ihren achttägigen Zusammenkünften ab zweitem Sonntag nach Michaelis einen Harlekin, einen Hanswurst, auf der Brust oder anderswo auf der Kleidung. Jedes Jahr wurde ein neuer König gewählt, vor dem sich unter anderem Streithähne auszusöhnen hatten.
Das in der Stiftungsurkunde unter den Siegeln der 36 Gründungs Mitglieder das Gäfliche erst an 11. Stelle auftauchte, unterstreiche, so wurde argumentiert, die Absicht, jede Rangordnung aufzuheben; möglicherweise sei jene Platzierung aber auch der Ursprung der längst närrischen, den Winterbrauch beherrschenden Zahl. Der Hoppeditz, die KuItfigur der Düsseldorfer Narren, mit deren Rückkehr der Karneval seinen Lauf nimmt, erwacht jedes Jahr am. 11.11. um 11.11 Uhr, Elferräte geben den Gesellschaften nach außen Gewicht, und die karnevalistischen Veranstaltungen beginnen in der Regel 11 Minuten nach der vollen Stunde.
Der frühere Düsseldorfer Stadtarchivar Prof. Hugo Weidenhaupt läßt hier närrische Schlussfolgerungen nicht gelten. Ganz abgesehen davon, dass Graf Adolf von der Mark nicht der Stifter des Ordens gewesen sein könne und sein Siegel auch nicht an 11. Stelle gehangen habe, sei die Gesellschaft vermutlich eine Rittervereinigung gewesen, ein friedlicher Zusammenschluss, der Arme unterstützt und sich dem Gedächtnis der Verstorbenen gewidmet habe; außerdem falle der St.-Michaelis-Tag auf den 29. September und der Zeitpunkt der Treffen mithin aus dem Rahmen der Karnevalszeit. Weidenhaupt räumt allerdings ein, dass die "gesel scap ' in der Literatur recht unterschiedlich beurteilt werde.
So sehen vor allem holländische Historiker in ihr eine "aristokratische Spottvereinigung", eine Parodie auf die Ritterorden. Der erste Leiter des Düsseldorfer Staatsarchivs, Theodor Joseph Lacomblet, mutmaßte 1853 sogar, dai3 die Ritterrunde sich nur nach außen den Anschein "argloser Ergötzlichkeit" gegeben, in Wirklichkeit aber vielleicht politische Ziele verfolgt habe und ihr "Vereinsabzeichen" nur eine Tarnung gewesen sei. Sein Nachfolger Waldemar Harleß wiederum sprach von einer "Vereinigung der Ritterbürtigen des Landes" die nichts weiter als den Besitzstand habe konsolidieren und sichern wollen.
Im Mittelalter wurde jedenfalls auch in Düsseldorf schon Fastnacht gefeiert. Erstmals urkundlich erwähnt, heißt es, sei er hier 1386, also fast hundert Jahre nach Erhebung des Dorfes zur Stadt - ein Beleg dafür hat sich allerdings im Nordrhein-Westfälischen Hauptstaatsarchiv, wo er hinterlegt sein soll, nicht finden lassen. Sicher scheint dennoch, dass schon zu Zeiten des Herzogs Wilhelm von Berg (1360-1408), der sich wie auch spätere Landesfürsten Wintertags gern in der Residenzstadt aufhielt, am Fastelabend Mummenschanz mit Tanz und Schmaus im Schloß veranstaltet wurde.
Im Schloss, damals eher eine Burg, die man zeitweilig schon vor dem geschichtsträchtigen Jahr 1288 erbaut glaubte, die tatsächlich aber erst seit 1360 nachweisbar ist, ging es zur Fastnachtszeit hoch her. "Karneval am herzoglichen Hofe war für den bergischen und jülichschen Adel immer das Ereignis des Jahres, das die willkommene Abwechslung in das ihm sonst zu eintönig werdende Leben auf seinen Wasserburgen und Bergschlössern brachte", ist von kundiger Feder überliefert. In einem Schreiben von 1423 antwortet Ritter Richard Hürth von Schöneck - auch ein Beweis dafiir, dass es im Schloss bzw. in der Burg karnevalistisch zuging - Wilhelms Nachfolger Herzog Adolf, dass er mit den Herren von Moers und von Virnburg der Einladung zu einer Fastnachtsgesellschaft nach Düsseldorf nicht folgen könne, da er bereits selber zu derlei fröhlichem Treiben nach Manderscheid gebeten habe.
Da die Ausschmückung der Räume, die Herrichtung der Unterkünfte an der Düssel für die vielen Gäste und die Bewirtung mit erlesenen Speisen und Getränken tief ins Geld gingen, lässt unter anderem ein Brief von Herzog Gerhard aus dem Jahre 1440 ahnen. Der - später unheilbar geisteskranke - Landesvater, der Düsseldorf durch Verleihung etlicher Privilegien weiter verstädterte, ging bei der Gelegenheit den Zoll um Bereitstellung von Mitteln an: Aus ihren Einnahmen sollten teilweise die Kosten für den jecken Spaß bei Hofe bestritten werden.
Das Volk, die dünne Oberschicht des Hofadels und anderer Adliger ausgenommen, hatte nicht viel von den höfischen Vergnügen. Um 1440 gab es dank der Eingemeindung von Golzheim, Derendorf, Bilk und Hamm immerhin schon mehr als 2000 Einwohner - viermal so viel wie 1288, als das zur Stadt erhobene Dorf gerade mal so groß war wie ein heutiger Fußballplatz.
Ziemlich weit hergeholt währe es auch die prunkvolle Hochzeit der Markgräfin Jakobe von Baden mit dem Jungherzog Johann Wilhelm von Jülich-Kleve-Berg im Jahre 1585 karnevalistisch einordnen zu wollen. Schon der Monat, in dem sich die beiden ewige Treue gelobten - es war der Juni- spricht dagegen. Närrisch oder "Ganz schön jeck", wie man heute zu sagen pflegt, ging es aber dennoch bei jener ernsten Angelegenheit in Düsseldorf zu. Mummenschanz war Trumpf. Nachgeahmte Ritterturniere wechselten mit Schiffsfeuerwerk und -gefechten auf dem Rhein, wobei die zu Drachen und sonstigen Ungeheuern umgestalteten "Pötte" als Prototypen des Bösen natürlich unterlagen, und Maskenspielen - "Mummerey" mit tieferer Bedeutung: Sie sollte versinnbildlichen, dass zum gemeinsamen Leben Harmonie erforderlich ist und unschuldige Freuden erlaubt sind.
Das später als plump und sinnlos verteufelte Schaugepränge, das der fürstliche Landschreiber Diederich Graminaeus ausführlich beschrieben und auch illustriert hat, stand in krassem Gegensatz zur Trostlosigkeit der Zeit. In weitem Ring um die Stadt waren Soldaten postiert, damit die Feierlichkeiten nicht durch Überfälle gestört wurden. Mit der gigantischen Fete begann auch die Tragödie der Jakobe, die nach ihrer tückischen Ermordung 1597 als "weiße Frau" im Schloss herumgeisterte - und zumindest in dieser Form auch das Brauchtum befruchtete.
Der Name, früher mit "C" geschrieben - und gelegentlich heute auch noch, wie man beim Comitee Düsseldorfer Carneval sieht, das sich dabei auf seine Ursprünge beruft -, wird verschieden abgeleitet. Die einen führen ihn auf "carne vale" zurück, weil nach Ende der Narrenzeit dem Fleisch Lebewohl gesagt werden müsse und das 40tägige Fasten beginne. Andere vermuten hier eine Abkürzung von "carnislevanem", wie in alten Schriften die Fastnacht genannt wird. Darunter wäre allerdings die Zeit zu verstehen, in der man sich besonders mit Fleischessen vergnügt. Man beruft sich dabei auf das alte "caro avallare" der Italiener, das "carnes tollendas" der Spanier und, mit Einschränkung, auf das "mardi gras" der Franzosen. Bis zu den Saturnalien der christlichen Römer, die ihre heidnischen Feste nicht vergessen konnten, und zum altgallischen "carn" (Opferaltar) reichen die Erläuterungsversuche. Für Karnevalskundige wie den Geschichtsforscher Anton Fahne "scheint" das Frühlings Narrenfest - nach der Zeit, in die es fällt - aus den Bacchanalien hervorgegangen zu sein, einem "teuflischen Fest: Die Christen... rasen vorsätzlich an diesen Tagen, binden Larven vor, tauschen die Geschlechter aus, vermummen sich in Gespenster, Teufel, geben sich dem Bacchus und der Venus hin und halten allen Muthwillen für erlaubt...". Die Wurzel des Karnevals gedieh aber schon viel früher - im Vorderen Orient. In vielen einschlägigen Werken sind die Ursprünge des Karnevals weltweit schon untersucht worden - weshalb in diesem Bericht darauf verzichtet sei, auf dieses Thema näher einzugehen.
Bereits im alten Babylon (im heutigen Irak) wurde an sieben Tagen fröhlich gezecht und geschmaust, waren hoch und niedrig gleich geachtet, rollte in einer festlichen Prozession zum Heiligtum des Gottes Marduk ein Prunkschiff auf Rädern einher. Auch im alten Ägypten und in anderen Ländern inklusive Germanien war der "carrus navalis" in Umzügen gang und gäbe. Vorläufer der Rosenmontagswagen? "Narrenschiff" wählte zum Beispiel der deutsche Satiriker Sebastian Brant gegen Ende des 15. Jahrhunderts als Titel seiner Beschreibung von über hundert Narren als Vertretern menschlicher Torheiten.
Bei den fastnachtlichen Vergnügungen spielte einst auch in Düsseldorf der Schwerttanz eine besondere Rolle. Am Hof des Herzogs Gerhard von Jülich-Berg (1437-1475) zum Beispiel begaben sich die Herrschaften, nachdem sie sich in den Tagen zuvor im Schloß verlustiert hatten, am Fastnachtsdienstag in den Schloßhof, um den Glanzpunkt der Festlichkeiten mitzuerleben. 18 kräftige junge Männer demonstrierten dort mit Schwertern zu eintöniger Musik ihre nicht ungefährliche Kunst. Mit Spannung wurde vor allem die letzte Nummer erwartet, der "Schild". In wildem Kampf aller gegen alle fochten die Tänzer ihre scharfen Waffen so geschickt ineinander, daß sie einen festen Untergrund bildeten, auf den dann ihr "König" sprang und, bis zur Schulterhöhe emporgehoben, seine Schlußansprache an Herzog und Schaulustige hielt. Danach stürzten sich die Schwerttänzer auf einen Narren, der schon vorher und zwischendurch überall seine Späße getrieben hatte, und "köpften" ihn - zum Schein, versteht sich (so rauh waren die Methoden im ausklingenden Mittelalter nun doch nicht). Nachdem es eine Zeitlang wie tot am Boden gelegen hatte, wurde das "Opfer" plötzlich wieder quicklebendig, hüpfte, tanzte herum und krähte vor Freude.
Lebhafter Beifall und freudige Zurufe begrüßten den ins Leben zurückgekehrten Narren; denn alle verstanden ja den Sinn dieser seit altersher gewohnten Prozedur: Der Winter ist tot, der Frühling erwacht. Wissenschaftler drangen bei ihren Forschungen nach der Herkunft des Volksbrauchs bis in die germanische Vorzeit vor. In Düsseldorf blieb er noch bis in die Zeit Jan Wellems erhalten, wie Eintragungen in der Landrentmeisterei-Rechnung bekunden: Noch 1689 ist hier ein entsprechender Ausgabeposten aufgeführt.. [nach oben]

