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Rosenmontag: 03.03.2014

der Zoch kütt in

281Tage03Std22Min45Sek

Auf den Spuren der Madame Tussaud

 

In jenen Zeiten versuchten die Wirte auch durch Sonderdarbietungen auf ihre Kosten zu kommen. Im "Saale des Herrn Lejeune" beispielsweise zeigte 1804 "der weltberühmte Künstler Flantlaquatlapatli" am ersten Narrrentag "sein unvergleichliches Cabinet von Wachsfiguren", das "aus einer erlesenen Gesellschaft der genialsten, berüchtigtsten und interessantesten Rebellen, Räuber, Mordbrenner, Spitzbuben, Freß- und Fettwänste usw. besteht". Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett, zwei Jahre zuvor in London eröffnet, machte offensichtlich Schule. Die damalige bescheidene Tonhalle am Flinger Steinweg (heute Schadowstraße) kündigte den "in der Welt verschrienen Zauberer Philadelphius Philadelphia" an, der "zu Venedig auf öffentlichem Markte ein Knäuel Bindfaden in die Höhe warf und daran in die Wolken kletterte, bis man ihn nicht mehr sah".

 

CC Dank Ungehörigkeiten
Narrenhochzeit sollte stille Tage wiederbeleben"Ungehörigkeiten" führten 1825 zur Gründung des Comitees Düsseldorfer Carnevals (CC). Ungehörigkeiten auf Plattdeutsch, die eine Karnevalszeitung verbreitete, und ein Verein, der in diese Richtung paßte, mißfielen der Bürgerschaft und bewogen den Landrat von Lasberg, den Oberbürgermeister aufzufordern. Der preußische Oberst fand ohnehin Beobachtungen über einen "gewissen Leichtsinn" des Düsseldorfers bestätigt. Er sei gutmütig und jovial gelaunt und habe einen "hervorragenden Drang zu Ergözungen". Wogegen ja nichts einzuwenden war. Nur über die Stränge schlagen sollte er nicht.

 

So schlossen sich denn bekannte, angesehene Leute in der Stadt zusammen und bildeten das "Carnevals-Comite`", das allerdings mehr noch als die Abstellung der Ungehörigkeiten im Sinn hatte. Es galt, das Fastnachtstreiben - nicht zuletzt mit Blick auf Köln, das zwei Jahre zuvor ein "Festordnendes Komitee" gegründet und den ersten Rosenmontagszug auf die Beine gestellt hatte und durch seine närrischen Aktivitäten die Fremden noch mehr als zuvor in seine Mauern zu holen drohte - zu beleben und zu heben und ihm eine einheitliche Idee zugrunde zu legen. In der Stadt der Kunst brauchte man nicht lange nach Helfern zu suchen: Das heitere Völkchen der Künstler machte bei der guten, auch dem Wohl der Stadt dienenden Sache freudig mit. Maler, Bildhauer, Baumeister, vielfach von Rang, verstanden es, wie Kenner Georg Spickhoff formulierte, "ihren Ideenreichtum auch im Karneval mit feingeistigem, köstlichem Humor in künstlerischer Form in Festspielen und Aufzügen sowie in der Ausgestaltung und Ausschmückung von Festräumen usw. einzigartig zum Ausdruck zu bringen" - ein Thema, auf das noch an anderer Stelle gebührend eingegangen wird. Wichtige Neuerungen damals auch: Der Karneval trat erstmals als Person auf, als Held, als Vorläufer des Prinzen; es gab eine aufsehenerregende jecke Vermählung, es zog der erste Rosenmontagszug durch die kleine Stadt und auf dem heutigen Karlplatz maßen nachgemachte Ritter in einem Turnier ihr Können. Die Herren des Comites konnten sich hernach hoch zufrieden die Hände reiben.

 

So fröhlich und erfolgreich ging es im langen Leben des hohen CC aber nicht immer zu. Es gab so manche Hindernisse zu überwinden und manche bedrohliche Situation zu überstehen. Außerdem wandelten sich Aufgaben und Zusammensetzung des Gremiums. Selbst "ernstdenkende" Männer, die bis dahin "nur von ihren Wohnungen aus, hinter den Gardinen, dem Karnevalstreiben zugeschaut hatten", ließen sich, wie nach Darstellung eines Chronisten "einwandfrei festgestellt wurde", nun von der "Harmlosigkeit eines gut geführten Karnevals" überzeugen und machten fortan fröhlich mit. Das soll auch heute noch gelegentlich - bis in hohe Kreise der Stadt hinauf - vorkommen. Für das Comit6, die "Vereinigung Düsseldorfer Einwohner", aber war der Erfolg ein guter Grund, sich noch stärker für seine Sache zu engagieren.

 

Um auch die Bewohner der Umgebung in der Karnevalszeit nach Düsseldorf zu holen (und nicht etwa nach Köln abwandern zu lassen), rührte es kräftig die Werbetrommel. So erging beispielsweise - der Rhein war zugefroren - ein "Aufruf an die geliebten großen und mittleren Städte, Flecken und Dörfer jenseits unseres jetzt gangbaren Rheinstromes, zugleich Aufforderung an unsere Unterthanen, alt und jung, zur Theilnahme an unserm Huldigungsfeste Sr. Allerlustigstekeit, des Narrenkönigs".

 

Das Gremium beschritt noch weitere, auch in unserer Zeit teilweise akzeptable neue Wege und bat 1827 zu einer Theatervorstellung ins Haus am Marktplatz, die neben der Belustigung des Publikums das nüchterne Ziel verfolgte, das Defizit aus dem Vorjahr zu decken, in dem man bei den Ausgaben nicht gerade kleinlich verfahren war, sondern zum Besten des Karnevals begreiflicherweise ziemlich geklotzt hatte. Auf dem Programm stand eine Operette, eine "Variation des Dorfbarbiers", wie der Oberbürgermeister meinte, der, weil er in dem Manuskript "nichts Anstößiges" fand, die Aufführung genehmigte, aber das Plazet mit einer Rüge verband: Die Sache war ihm erst einen Tag vorher und mithin verspätet angezeigt worden - schließlich könne "eine solche Vorstellung", tadelte er, "ohne obrigkeitliche Erlaubniß nicht Statt haben".

 

Mit dem jungen Comite` verbandelt war weitgehend der "Carnevalsverein pro 1829", der spätere Allgemeine Verein der Karnevalsfreunde, den wiederum eine Anzahl Bürger aus der Taufe hob. Der Verein prägte fortan wesentlich das Bild des Düsseldorfer Karnevals.

 

Die Zügel in der Frühzeit der neu belebten alten Narrheit hielt der "permanente Ausschuß" eines "Närrirschen Parlaments" in Händen. Er setzte sich aus elf hochangesehenen Bürgern zusammen, die am Elften im Elften ihre erste Sitzung abhielten; das Parlament bildeten alle Narren, die ihren Jahresbeitrag bezahlt hatten und als Zeichen der Gleichheit die Narrenmütze trugen - sie trafen sich an einem bestimmten Tag der Woche zu einer "pudelnärrischen" Sitzung, in der sich oft auch Prinz Friedrich von Preußen, gefolgt vom hohen Adel, sehen ließ.

 

Die heutigen Mundartfreunde Düsseldorf werden es mit Vergnügen registrieren (und zur Nachahmung empfehlen): In jenem Parlament wurden die Verhandlungen nach alter Väter Sitte vornehmlich in Platt geführt.

 

Das Jahr 1825 war für den Düsseldorfer Karneval aus vielerlei Gründen bedeutungsvoll. In ihrer Ausgabe von Donnerstag, 3. Februar, weist die "Neue Düsseldorfer Zeitung, Politisches, Unterhaltungs- und Anzeige-Blatt" unter dem Titel "Karnevalsfeyer in Düsseldorf" auf eine "Gelegenheit" hin, "die seit einigen Jahren hier so still gebliebenen Karnevalstage" wieder attraktiver zu machen und zu verhindern, daß die Fremden zu karnevalistischem Vergnügen allesamt nach Köln führen. Diese Gelegenheit, ist da zu lesen, "giebt die in unserer guten Stadt wohnende ehrsame und tugendhafte Jungfer Priska Petronella Düsselblashorn, die sich seit undenklichen Jahren mit dem auf der Universität zu Dülken patentisirt gewesenen Nachtwächter Giselinus Schmerzenbier in traulichen Liebesbanden verschlungen gefunden, sich aber als eine Tochter einer Residenzstadt zum ehelichen Verbande mit einem Nachtwächter schlechtweg nicht glaubte entschließen zu dürfen.

 

Da es aber nun weltbekannt worden, daß der ehrbare Nachtwächter Giselinus Schmerzenbier am 7ten Tage des jungen Lichts im Jahr 13,699 der Universität und im 5772ten der berittenen Akademie zu Dülken zur hohen Würde eines Gesandten am Hofe des Prinzen Lusterius Karnaval ernannt worden ist, so hat nach einem kurzen Kampfe mit ihrer Jungfräulichkeit sich hierauf die obengenannte Jungfer zur förmlichen Eheverbindung mit dem nunmehrigen Gesandten entschlossen. Dieses ist nun das große Fest, wozu Einladungs-Karten an einige tausend Personen in der Nähe und Ferne und an alle Stände ertheilt worden, so daß das bunte Gemisch der verschiedenen Charaktere und Nationen, auch der hohe Anstand, durch die versprochene Gegenwart des Prinzen und Helden Karnaval in Höchsteigner Person, nichts mehr zu wünschen übrig lassen wird".

 

Punkt für Punkt wird in dem Blatt dann aufgelistet, was die Besucher an den Karnevalstagen alles erwartet. Bei seiner Rückkehr aus Dülken, wo "schwierige Punkte und Pünktchen hinsichtlich der Verehelichung" geklärt werden sollten, wird das Brautpaar am Sonntag nachmittag auf der "fliegenden Brücke" mit "schwerem Geschütz und klingendem Spiel" empfangen, abends folgen großes Theater und großer Ball; nach dem Brautzug am Montag vom Museum am Burgplatz aus durch "die schönsten Straßen der Stadt und die herrlichen Umgebungen" stehen wieder Theater und Ball ins Haus; nach einem Bankett der Stadt zu Ehren des Brautpaars auf dem Karlstädter Markt steigt am Dienstag in einem eigens dort eingerichteten Amphitheater mit entsprechendem Platz ein Ringstechen zu Pferde; für den Abend sind erneut großes Theater und ein Ball mit "förmlicher Vermählung" angesagt. Es lief weitgehend auch alles wie angekündigt ab. Am Abend des Donnerstags vor Fastnacht gab es beim Verlobungsball im Museum jedoch eine handfeste Auseinandersetzung zwischen Priska und ihrem Giselinus. Es war sozusagen der erste Knatsch im neuformierten Düsseldorfer Karneval - oder schien es wenigstens zu sein.

 

"Urplötzlich, mag der Himmel wissen, wie es kam, es war schon ziemlich spät bzw. früh, entstand", so ein Chronist, "ein furchtbarer Krach zwischen den Brautleuten", die nach einem Verlobungstänzchen wieder Platz genommen hatten und von hoher Warte der "reichgeschmückten Gesellschaft mit Vergnügen" zuschauten. Besagter Krach hätte beinahe die "ganze Ballveranstaltung zerrüttet und der so glorreich begonnenen und fröhlich verlaufenen Nacht ein jammervolles Ende bereitet.

 

Über diese "fliegende Brücke" kehrte das zerstrittene jecke Paar versöhnt nach Düsselorf zurück.

 

Einige Mummelgreise, die den Blick nicht von der schönen schlanken Priska mit ihren reichen blonden Flechten um das jugendliche Haupt wenden konnten und den Giselinus um sie schwer beneideten, wollen beobachtet haben, daß Braut und Bräutigam.. .sich wiederholt etwas in die Ohren gelispelt hätten. Dabei scheine unvorsichtigerweise auf etwas die Rede gekommen zu sein - vielleicht auf Standesverhältnisse oder Heiratsskrupel oder dgl. -‚ was zu einer Meinungsverschiedenheit geführt habe. Auf einmal und ganz unerwartet müsse dann wohl - allerdings unsichtbar - ein Dämon zwischen das vordem so einstimmig und fröhlich gewesene Brautpaar getreten sein, um in tückischer Weise den Funken des kleinen Zwistes zu einer hellen Flamme anzublasen. Denn wie von der Tarantel gestochen sei der Herr Bräutigam plötzlich aufgesprungen und habe - dadurch sehr unangenehm an seine frühere Charge als Nachtwächter erinnernd - seiner hohen schönen Braut allerhand Grobheiten gesagt.

 

In diesem Moment wurden die ganzen Festgäste auf den Streit aufmerksam. Sie sahen, wie auch Priska sich blitzschnell erhob - die muskulösen Arme in die Seite gestemmt -‚ in Positur vor ihrem Geliebten sich aufpflanzte und als echtes Düsseldorfer Mädchen aus der Altstadt ihm nicht zu knapp Antwort gab und den Wurm segnete. Giselinus konnte gegen sie nicht ankommen. Er rannte spornstreichs zum hellerleuchteten Saale hinaus, die zornige Braut hinter ihm her, dann, zum Erstaunen der prächtigen Versammlung, mit gewaltigem Toben auch das Gefolge des hohen Paares und die Professoren der Dülkener Fakultät, die alle ihres bisherigen pathetischen Charakters nicht eingedenk waren und die entrüsteten Naturgefühle der hohen Herrschaften teilten. Gleichsam wie eine halbe Geistererscheinung endigte die ganze Szene, die, nach der allgemeinen Heiterkeit zu urteilen, gar nicht so nervenaufregend auf die weiter feiernde Ballgesellschaft gewirkt zu haben scheint".
Wie es Eigenart manches Blattes ist, hatte die "Neue Düsseldorfer Zeitung" alles schon eine Woche vorher gewußt und im Programm die Notwendigkeit der Beseitigung "schwieriger Punkte und Pünktchen hinsichtlich der Verehelichung" angekündigt. In Dülken, wohin das entzweite Paar am Freitagmorgen aufbrach, wurden dann die Streitigkeiten in langen und schwierigen Verhandlungen, wie es hieß, geschlichtet. Bei der Rückkehr über die "fliegende Brücke" nach Düsseldorf am Fastnachtssonntag jubelte eine "ungeheure Volksmenge" den Brautleuten zu. Ein prächtiger Wagenzug brachte sie zu ihrem Palais. Bei einer Festvorstellung im Theater am Marktplatz und dem großen Kostümball, an dem auch Held Karneval mit Gefolge teilnahm, herrschte wieder, um mit dem Chronisten zu sprechen, "jener magische Zustand der Freude, der alle Jahre nur einmal, nämlich bloß zur Fastnachtszeit, hier unter´m Monde zu finden ist".

 

Man muß im Karneval, um ihn attraktiv zu machen, halt - und das gilt nach wie vor - Ideen haben...     [nach oben]

 

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