Vorstand
Ehrenmützenträger
CC Präsidenten
Historisches
Impressum
Chronik der Prinzenpaare
Designiertes Prinzenpaar
Chronik
Förderverein
Telefonliste der Vereine
Vorverkaufsstellen
Formularservice
Veranstaltungskalender
Golfcup 2008
Ewiger Kalender
Rosenmontagszug 2008
Session 06/07
Session 05/06
Session 04/05
Ältere Einträge
Kontakt
Literatenkreis
Haus des Karnevals

Wer Düsseldorfs Karneval besonders wohl will, führt seinen Ursprung - ungeachtet jeder historischen Genauigkeit - auf die Zeit der Stadtgründung, also bis ins späte 13. Jahrhundert zurück. Der Wunsch ist hier der Vater närrischer Gedanken. Jeck aufgeführt haben werden sich die Einwohner des Fischerdörfchens an der Mündung der Düssel in den Rhein ohne Frage. Aber von Karneval kann da ebenso zweifellos keine Rede sein.

Selbst unseren Fastelowend mit dem Geckenorden in Verbindung zu bringen, der gelegentlich als stummer Kronzeuge für karnevalistisches Treiben in Düsseldorf im Jahrhundert darauf ins Feld geführt wird, bedarf reichlicher Kühnheit und Phantasie. Die Geckengesellschaft, die sich da zusammenfand, hatte eher mit Kleve zu tun - jedenfalls traf sie sich dort jährlich. Den Geckenorden stiftete nach alter Darstellung im November 1381 Graf Adolf von der Mark, der mit keinem der hohen Herren namens Adolf identisch ist, die Düsseldorfs Geschichte beeinflusst haben.

Jener Adolf verehelichte sich zur Sicherung der Erbfolge seines Hauses- der ältere Bruder Engelbert hatte eine Tochter - mit Margaretha von Jülich und Berg und wurde so allerdings Ahnherr der Düsseldorfer Landesherren aus dem Hause Kleve, die zwischen 1511 und 1609 regierten, also von Herzog Johann bis Herzog Johann Wilhelm, nicht zu verwechseln mit seinem späteren Namensvetter, von seinen Untertanen liebevoll Jan Wellem genannt. Mit dem Geckenorden läßt sich Düsseldorf lediglich insofern in Verbindung bringen, als die Stiftungsurkunde hier seit langem im Hauptstaatsarchiv deponiert ist.

Ohnehin streiten die Gelehrten seit langem darüber, ob es sich bei der "geselscap van den gecken" tatsächlich um eine Organisation von Jecken in karnevalistischem Sinne handelte. Manches läßt darauf schließen. Die Mitglieder, vornehmlich Adlige, die auf Zeremoniell und steife Förmlichkeit verzichteten und - bei gleichen Rechten und Pflichten - in brüderlicher Freundschaft einander zugetan waren, trugen als Ordenszeichen bei ihren achttägigen Zusammenkünften ab zweitem Sonntag nach Michaelis einen Harlekin, einen Hanswurst, auf der Brust oder anderswo auf der Kleidung. Jedes Jahr wurde ein neuer König gewählt, vor dem sich unter anderem Streithähne auszusöhnen hatten.

Das in der Stiftungsurkunde unter den Siegeln der 36 Gründungs Mitglieder das Gäfliche erst an 11. Stelle auftauchte, unterstreiche, so wurde argumentiert, die Absicht, jede Rangordnung aufzuheben; möglicherweise sei jene Platzierung aber auch der Ursprung der längst närrischen, den Winterbrauch beherrschenden Zahl. Der Hoppeditz, die KuItfigur der Düsseldorfer Narren, mit deren Rückkehr der Karneval seinen Lauf nimmt, erwacht jedes Jahr am. 11.11. um 11.11 Uhr, Elferräte geben den Gesellschaften nach außen Gewicht, und die karnevalistischen Veranstaltungen beginnen in der Regel 11 Minuten nach der vollen Stunde.

Der frühere Düsseldorfer Stadtarchivar Prof. Hugo Weidenhaupt läßt hier närrische Schlussfolgerungen nicht gelten. Ganz abgesehen davon, dass Graf Adolf von der Mark nicht der Stifter des Ordens gewesen sein könne und sein Siegel auch nicht an 11. Stelle gehangen habe, sei die Gesellschaft vermutlich eine Rittervereinigung gewesen, ein friedlicher Zusammenschluss, der Arme unterstützt und sich dem Gedächtnis der Verstorbenen gewidmet habe; außerdem falle der St.-Michaelis-Tag auf den 29. September und der Zeitpunkt der Treffen mithin aus dem Rahmen der Karnevalszeit. Weidenhaupt räumt allerdings ein, dass die "gesel scap ' in der Literatur recht unterschiedlich beurteilt werde.

So sehen vor allem holländische Historiker in ihr eine "aristokratische Spottvereinigung", eine Parodie auf die Ritterorden. Der erste Leiter des Düsseldorfer Staatsarchivs, Theodor Joseph Lacomblet, mutmaßte 1853 sogar, dai3 die Ritterrunde sich nur nach außen den Anschein "argloser Ergötzlichkeit" gegeben, in Wirklichkeit aber vielleicht politische Ziele verfolgt habe und ihr "Vereinsabzeichen" nur eine Tarnung gewesen sei. Sein Nachfolger Waldemar Harleß wiederum sprach von einer "Vereinigung der Ritterbürtigen des Landes" die nichts weiter als den Besitzstand habe konsolidieren und sichern wollen.

Im Mittelalter wurde jedenfalls auch in Düsseldorf schon Fastnacht gefeiert. Erstmals urkundlich erwähnt, heißt es, sei er hier 1386, also fast hundert Jahre nach Erhebung des Dorfes zur Stadt - ein Beleg dafür hat sich allerdings im Nordrhein-Westfälischen Hauptstaatsarchiv, wo er hinterlegt sein soll, nicht finden lassen. Sicher scheint dennoch, dass schon zu Zeiten des Herzogs Wilhelm von Berg (1360-1408), der sich wie auch spätere Landesfürsten Wintertags gern in der Residenzstadt aufhielt, am Fastelabend Mummenschanz mit Tanz und Schmaus im Schloß veranstaltet wurde.

Im Schloss, damals eher eine Burg, die man zeitweilig schon vor dem geschichtsträchtigen Jahr 1288 erbaut glaubte, die tatsächlich aber erst seit 1360 nachweisbar ist, ging es zur Fastnachtszeit hoch her. "Karneval am herzoglichen Hofe war für den bergischen und jülichschen Adel immer das Ereignis des Jahres, das die willkommene Abwechslung in das ihm sonst zu eintönig werdende Leben auf seinen Wasserburgen und Bergschlössern brachte", ist von kundiger Feder überliefert. In einem Schreiben von 1423 antwortet Ritter Richard Hürth von Schöneck - auch ein Beweis dafiir, dass es im Schloss bzw. in der Burg karnevalistisch zuging - Wilhelms Nachfolger Herzog Adolf, dass er mit den Herren von Moers und von Virnburg der Einladung zu einer Fastnachtsgesellschaft nach Düsseldorf nicht folgen könne, da er bereits selber zu derlei fröhlichem Treiben nach Manderscheid gebeten habe.

Da die Ausschmückung der Räume, die Herrichtung der Unterkünfte an der Düssel für die vielen Gäste und die Bewirtung mit erlesenen Speisen und Getränken tief ins Geld gingen, lässt unter anderem ein Brief von Herzog Gerhard aus dem Jahre 1440 ahnen. Der - später unheilbar geisteskranke - Landesvater, der Düsseldorf durch Verleihung etlicher Privilegien weiter verstädterte, ging bei der Gelegenheit den Zoll um Bereitstellung von Mitteln an: Aus ihren Einnahmen sollten teilweise die Kosten für den jecken Spaß bei Hofe bestritten werden.

Das Volk, die dünne Oberschicht des Hofadels und anderer Adliger ausgenommen, hatte nicht viel von den höfischen Vergnügen. Um 1440 gab es dank der Eingemeindung von Golzheim, Derendorf, Bilk und Hamm immerhin schon mehr als 2000 Einwohner - viermal so viel wie 1288, als das zur Stadt erhobene Dorf gerade mal so groß war wie ein heutiger Fußballplatz.
Ziemlich weit hergeholt währe es auch die prunkvolle Hochzeit der Markgräfin Jakobe von Baden mit dem Jungherzog Johann Wilhelm von Jülich-Kleve-Berg im Jahre 1585 karnevalistisch einordnen zu wollen. Schon der Monat, in dem sich die beiden ewige Treue gelobten - es war der Juni- spricht dagegen. Närrisch oder "Ganz schön jeck", wie man heute zu sagen pflegt, ging es aber dennoch bei jener ernsten Angelegenheit in Düsseldorf zu. Mummenschanz war Trumpf. Nachgeahmte Ritterturniere wechselten mit Schiffsfeuerwerk und -gefechten auf dem Rhein, wobei die zu Drachen und sonstigen Ungeheuern umgestalteten "Pötte" als Prototypen des Bösen natürlich unterlagen, und Maskenspielen - "Mummerey" mit tieferer Bedeutung: Sie sollte versinnbildlichen, dass zum gemeinsamen Leben Harmonie erforderlich ist und unschuldige Freuden erlaubt sind.

Das später als plump und sinnlos verteufelte Schaugepränge, das der fürstliche Landschreiber Diederich Graminaeus ausführlich beschrieben und auch illustriert hat, stand in krassem Gegensatz zur Trostlosigkeit der Zeit. In weitem Ring um die Stadt waren Soldaten postiert, damit die Feierlichkeiten nicht durch Überfälle gestört wurden. Mit der gigantischen Fete begann auch die Tragödie der Jakobe, die nach ihrer tückischen Ermordung 1597 als "weiße Frau" im Schloss herumgeisterte - und zumindest in dieser Form auch das Brauchtum befruchtete.


Der Name, früher mit "C" geschrieben - und gelegentlich heute auch noch, wie man beim Comitee Düsseldorfer Carneval sieht, das sich dabei auf seine Ursprünge beruft -, wird verschieden abgeleitet. Die einen führen ihn auf "carne vale" zurück, weil nach Ende der Narrenzeit dem Fleisch Lebewohl gesagt werden müsse und das 40tägige Fasten beginne. Andere vermuten hier eine Abkürzung von "carnislevanem", wie in alten Schriften die Fastnacht genannt wird. Darunter wäre allerdings die Zeit zu verstehen, in der man sich besonders mit Fleischessen vergnügt. Man beruft sich dabei auf das alte "caro avallare" der Italiener, das "carnes tollendas" der Spanier und, mit Einschränkung, auf das "mardi gras" der Franzosen. Bis zu den Saturnalien der christlichen Römer, die ihre heidnischen Feste nicht vergessen konnten, und zum altgallischen "carn" (Opferaltar) reichen die Erläuterungsversuche. Für Karnevalskundige wie den Geschichtsforscher Anton Fahne "scheint" das Frühlings Narrenfest - nach der Zeit, in die es fällt - aus den Bacchanalien hervorgegangen zu sein, einem "teuflischen Fest: Die Christen... rasen vorsätzlich an diesen Tagen, binden Larven vor, tauschen die Geschlechter aus, vermummen sich in Gespenster, Teufel, geben sich dem Bacchus und der Venus hin und halten allen Muthwillen für erlaubt...". Die Wurzel des Karnevals gedieh aber schon viel früher - im Vorderen Orient. In vielen einschlägigen Werken sind die Ursprünge des Karnevals weltweit schon untersucht worden - weshalb in diesem Bericht darauf verzichtet sei, auf dieses Thema näher einzugehen.

Bereits im alten Babylon (im heutigen Irak) wurde an sieben Tagen fröhlich gezecht und geschmaust, waren hoch und niedrig gleich geachtet, rollte in einer festlichen Prozession zum Heiligtum des Gottes Marduk ein Prunkschiff auf Rädern einher. Auch im alten Ägypten und in anderen Ländern inklusive Germanien war der "carrus navalis" in Umzügen gang und gäbe. Vorläufer der Rosenmontagswagen? "Narrenschiff" wählte zum Beispiel der deutsche Satiriker Sebastian Brant gegen Ende des 15. Jahrhunderts als Titel seiner Beschreibung von über hundert Narren als Vertretern menschlicher Torheiten.

Bei den fastnachtlichen Vergnügungen spielte einst auch in Düsseldorf der Schwerttanz eine besondere Rolle. Am Hof des Herzogs Gerhard von Jülich-Berg (1437-1475) zum Beispiel begaben sich die Herrschaften, nachdem sie sich in den Tagen zuvor im Schloß verlustiert hatten, am Fastnachtsdienstag in den Schloßhof, um den Glanzpunkt der Festlichkeiten mitzuerleben. 18 kräftige junge Männer demonstrierten dort mit Schwertern zu eintöniger Musik ihre nicht ungefährliche Kunst. Mit Spannung wurde vor allem die letzte Nummer erwartet, der "Schild". In wildem Kampf aller gegen alle fochten die Tänzer ihre scharfen Waffen so geschickt ineinander, daß sie einen festen Untergrund bildeten, auf den dann ihr "König" sprang und, bis zur Schulterhöhe emporgehoben, seine Schlußansprache an Herzog und Schaulustige hielt. Danach stürzten sich die Schwerttänzer auf einen Narren, der schon vorher und zwischendurch überall seine Späße getrieben hatte, und "köpften" ihn - zum Schein, versteht sich (so rauh waren die Methoden im ausklingenden Mittelalter nun doch nicht). Nachdem es eine Zeitlang wie tot am Boden gelegen hatte, wurde das "Opfer" plötzlich wieder quicklebendig, hüpfte, tanzte herum und krähte vor Freude.

Lebhafter Beifall und freudige Zurufe begrüßten den ins Leben zurückgekehrten Narren; denn alle verstanden ja den Sinn dieser seit altersher gewohnten Prozedur: Der Winter ist tot, der Frühling erwacht. Wissenschaftler drangen bei ihren Forschungen nach der Herkunft des Volksbrauchs bis in die germanische Vorzeit vor. In Düsseldorf blieb er noch bis in die Zeit Jan Wellems erhalten, wie Eintragungen in der Landrentmeisterei-Rechnung bekunden: Noch 1689 ist hier ein entsprechender Ausgabeposten aufgeführt.




Auf dem Gipfel der Fröhlichkeit

Den Gipfel der Fröhlichkeit und Ausgelassenheit erklomm der Karneval in Düsseldorf unter Kurfürst Johann Wilhelm, dem nach wie vor liebevoll "Jan Weilern" genannten kulturbeflissensten und ausgabesüchtigsten Potentaten, der "einsam im Grünspan der Jahrhunderte... auf dickem Roß von seinem Marktplatz in die Ewigkeit reitet", wie der Dichter Wilhelm Schäfer vor Jahrzehnten das vom hohen Herrscher selbst errichtete Denkmal vor dem Rathaus trefflich beschrieb. Hoffeste und Theateraufführungen fielen während seiner Regentschaft (1679-1716) vornehmlich in die Fastnachtszeit, und die närrischen Feste erhielten durch Anna Maria Louisa, Jan Wellems zweite Gemahlin, Tochter des toskanischen Großherzogs Cosimo III., dank Einbeziehung heimatlicher Bräuche etwas italienischen Einschlag. Die fürstlichen Gastgeber verkleideten sich bei den Maskenbällen im Schloß häufig als Gastwirtspaar, und sie sind als solches noch auf zwei von drei Bildern des Hofmalers Jan Frans van Douven zu bewundern, die im Palazzo Pitti in Florenz vom Glanz höfischer Tage in Düsseldorf erzählen. Bei einer Maskerade im Jahre 1697 übernahm die stets zu Späßen aufgelegte Kurfürstin, eine schlanke, feingliedrige Frau, die Leibesfülle eines korpulenten Onkels und freute sich diebisch, daß keiner der zu Gast weilenden Hofleute ihres Vaters sie erkannte. Die zu Beginn des Spanischen Erbfolgekrieges Anfang des 18. Jahrhunderts verständlicherweise eingeschlafenen Lustbarkeiten - auch Jan Weilern mußte in die Schlacht - wurden durch sogenannte Karnevalsopern ergänzt die eigentlich nur insofern mit dem Karneval zu tun hatten, als sie in der närrischen Zeit über die Bühne gingen: teils im 1696 eingeweihten ersten Opernhaus der Stadt an der Mühlenstraße, auf dem Gelände des heutigen Gerichtskolosses. Den Anstoß zu jährlichen Opernaufführungen im Karneval am Hof hatte Jan Wellem schon als Erbprinz zu Beginn seiner Regentschaft 1697 in Jülich-Berg gegeben. Nach seinem Tod 1716 und der Rückkehr seiner Witwe in ihre Heimat war es dann endgültig mit dem bunten Treiben früherer Jahre vorbei. es wurde bald über mangelnde Zerstreuung zu Karneval geklagt.

Neben dem Karneval am Hof des zweiten Johann Wilhelm, der sich häufig verkleidet unters Volk mischte und seinerseits die Bürger aufs Schloß einlud, blühte endlich aber auch das Fastnachtstreiben in den Straßen und -255 Gassen, auf Burgplatz und Markt und in den Häusern. Schon früh wird über Schwerttänze berichtet, die, wie in anderen Städten lange Vorrecht der Metzger, sogar im Schloßhof aufmerksame fürstliche Zuschauer fanden. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ist viel von den Nachbarschaften die Rede, in denen sich die Bewohner einer oder mehrerer Straßen zu gegenseitiger Hilfe in Not und Bedrängnis zusammenschlossen, die aber auch Fastelowend zu feiern verstanden. Wer bei diesen Zusammenkünften - an einem der tollen Tage, meistens dienstags - allerdings aus der Rolle fiel, hatte mit schweren Strafen zu rechnen. So ist in einer "Geheimen Rats-Verordnung" vom 9. Februar 1788 ausgerechnet unter Punkt 11, der Karnevalszahl, nachzulesen, daß "alle Ruhe" beizubehalten sei, jeder Nachbar sich vor Fluchen, Schwören und Gotteslästerungen zu hüten sowie besondere Streitigkeiten zu meiden habe. Unruhestifter sollten ein "Viertel Ahm gutes Bier" (immerhin 35 bis 40 Liter) bezahlen oder, wenn das nichts helfen würde, einem "hochloblichen Magistrat" gemeldet werden.


EPIGRAMM

Narren sind, die andern eine Freude gönnen
und über eigene Dummheit lachen können;
doch wer nur über andere zu ulken versteht
und bei einem Scherz über sich in die Höhe geht,
verdient nicht den Namen "Karnevalist",
weil er ein Spaßverderber ist.

(Rudi vorn Endt, Düsseldorfer Malerpoet)



Wenn über die Geschichte des Düsseldorfer Karnevals geschrieben wird, dann darf auch Johann Wolfgang von Goethe nicht fehlen. Im ausklingenden 18. Jahrhundert war die Stadt ein Mittelpunkt künstlerischen und geistigen Lebens und Schaffens. Neben vielen anderen bedeutenden Künstlern und Geistesgrößen jener Zeit gab auch der Dichterfürst dem Philosophen Friedrich Heinrich Jacobi und seinem Bruder Johann Georg, dem Dichter, auf ihrem Sitz in Pempelfort die Ehre. Bei seinem zweifachen Gastspiel, 1774 und 1792, erlebte er dort allerdings kein Karnevalstreiben. Dem nahe kam aber ein Vorschlag, den Friedrich Heinrich gerade um die Zeit eines Goethe-Aufenthalts in einer seiner kleinen Schriften machte: nämlich eine Gesellschaft des Heiteren zu gründen, in der nicht von denbeln dieser Welt gesprochen und in allem nur die gute Seite gesehen werden sollte. Mit dem Karneval Bekanntschaft gemacht hatte der große Dichter 1788 in Rom und ihn so gepriesen: Er sei "ein Fest, das dem Volke eigentlich nicht gegeben wird, sondern das sich das Volk selbst gibt". Als Goethe sich in einem seiner Werke über Kunst und Altertum positiv über den Karneval ausließ, kam man in Köln - leider nicht in Düsseldorf - auf den Gedanken, ihn zum Dank zur Fastnachtsfeier 1825 einzuladen, also just im Jahr der Gründung des Düsseldorfer CC. Der Olympier folgte zwar nicht dem Anerbieten, dankte aber mit einem humorvollen Gedicht, aus dem ein Vierzeiler heute praktisch jedermann geläufig ist:

Löblich wird ein tolles Streben,
Wenn es kurz ist und mit Sinn;
Heiterkeit zum Erdenleben
Sei dem flüchtigen Rausch Gewinn.

Noch fast lieber zitieren Karnevalisten die Feststellung des Dichters, nachdem er später den Karneval am Rhein tatsächlich kennen- und schätzengelernt hatte:

"Ohne Fastnachtstanz und Mummenspiel
- ist am Februar auch nicht viel."

Jedenfalls: Für die Gestaltung des Karnevals in Düsseldorf, in den man wie auch andernorts eine gewisse Ordnung nach drohender Ausartung zu bringen versuchte, war neben dem Jahr 1825 nach landläufiger Ansicht auch Goethe von Bedeutung. "Der Karneval 1825", meinte ein Schriftsteller sogar, "hat im Zeichen Goethes gestanden."
Nicht besonders erbaut schien der greise Dichter und Staatsminister jedoch gewesen zu sein, als ihm die Dülkener "Erleuchtete Monduniversität und berittene Akademie der Künste und Wissenschaften", zu der die Düsseldorfer Narren gute Beziehungen unterhielten, ohne vorherige Rückfrage einige jecke Ehrungen zuteil werden ließ. Ende 1828 wurde dem greisen Herrn in Weimar eine merkwürdige Sendung zugestellt, die Schriften, Preisaufgaben, Orden und ein Diplom enthielt, das den Dichter und Staatsminister zum "Ehrendoktor und Ritter des jungen Lichts" ernannte. Absender: die "Monduniversität". Hatte sich da jemand einen unziemlichen Scherz erlaubt? Goethe selbst, außerdem zum Ehrenmitglied Nr. 1977 der Dülkener Hochschule erhoben, glaubte das wohl nicht. Er verschnürte die Sendung und schrieb darauf: "Rheinische Absurdität!" Dann legte er alles in eine Schublade seines Schreibtischs. Erst nach seinem Tod fand man dort die närrischen Utensilien...


Die Karnevalszeitungen von heute hatten schon eine frühe Vorläuferin:
In der närrischen Zeit 1781 lag ein solches Exemplar den "Gülich und Bergischen Wöchentlichen Nachrichten" bei. Ein Beispiel dafür, worüber man sich damals amüsierte: ein "berümhter moralischer Lebens Balsam, dessen Erfinder, ein englischer Matrose Nahmens Orang Outang, aller Orten damit uhnglaubliche Wunder Kuren verrichtet".,, Dieser Balsam", so wörtlich, "reinigt das Herz von allem Schleim bürgerlicher alt modischer Tugenden. Alle Pedanten vom Viehlosofen und Professor bis zum Schulmeister und Küster, lateinisch, teutsch, griechisch und hebräischen Geschlechts, wenn sie auch völlig unverdauliche Narren und zum Tollhaus qualificirt seyn möchten, können sich von dieser Arzney eine gewisse Hülfe versprechen, wenn sie bey jedem Anfall ein Maul voll von diesem Balsam nehmen und so lang im Mund behalten, bis sie einschlafen."

Im Düsseldorf der Kindheit Heinrich Heines, 1806 zur Metropole des Großherzogturms Berg avanciert, "war der Karneval ein Gemisch von bodenständigem, derbem Volkshumor und prikkelnder französischer Lustbarkeit", analysierte einmal Altstadtpoet Hans Müller-Schlösser, der Vater des "Schneider Wibbel".,, Die Not der Zeit, die den Wohlstand des Landes untergrub, berührte Düsseldorf nicht so sehr, weil es eben die Hauptstadt war und die vielen französischen Verwaltungsbeamten beherbergte, die ein gutes Leben gewöhnt waren und Geld unter die Leute brachten. Es hatte sich daher in Düsseldorf ein verhältnismäßiger Bürgerwohlstand entwickelt, der es den Leuten ermöglichte, den Karneval drei Tage lang tüchtig zu feiern. Von einer sogenannten Karnevalssaison kannte man damals aber nichts. Man beschränkte die Fastnachtsbelustigungen auf den Monat Februar und fing damit nicht schon wie heute im November an."In der zweiten Düsseldorfer Franzosenzeit - die erste dauerte von 1795 bis 1801 - ging es mit der Stadt die 1806 nicht mal 20 000 Einwohner zählte, zunächst erfreulich aufwärts. Von hier aus wurde immerhin ein Staatsgebilde regiert, in dem nahezu eine Million Menschen lebten. Behörden und Beamte drängten nach Düsseldorf wie nie zuvor. Napoleon selbst, obwohl durch tüchtige Statthalter vertreten und hier nur einmal, Anfang November 1811, zu Gast, ließ sich Wohl und Wehe des Landes und der Stadt höchstselbst angelegen sein. Trotz harten Regiments war den Düsseldorfern aber der traditionelle Spaß an der Freud‘ nicht zu verderben. Scharfe Verordnungen vermochten den Karneval zwar auf Säle zu beschränken und vorübergehend einzuschläfern, ausrotten konnten sie das Virus des Frohsinns jedoch nicht. Die Geschichte lehrt, daß die Bürger sich gerade nach stürmischen und kriegerischen Zeiten und nach grassierenden Seuchen bereitwillig von ihm anstecken ließen.

Die Karnevalsverordnung von Februar 1806 stammte allerdings noch von Max Joseph, der, bald darauf König von Bayern, das Bergische Land und seine Residenzstadt Düsseldorf mit agen Rechten an Napoleon abtrat. An den Fastnachtstagen. an denen es keine Polizeistunde gab und Gast-, Wein~ und Kaffeewirtschaften die ganze Nacht offenbleiben durften, mußte sich nach dieser "Humane Verfügung" jeder Maskierte mit einer für einen Tag gültigen Polizeikarte versehen, die sechs Stüber kostete; das Geld, eine Art früher Lustbarkeitssteuer, floß erfreulicherweise in die Armenkasse. Wer ohne Polizeikarte angetroffen wurde, mußte mit auf die Wache und das Doppelte zahlen. Auch an den Ballsälen hatte man, ob maskiert oder nicht, sechs Stüber zu entrichten.
Diese Verfügung des ehemaligen Landesherrn "zum Besten der Armen" wurde fünf Jahre später erneuert. Wer ohne Maskenkarte, die auf der "Mairie" - man beachte: Es war Franzosenzeit - abzuholen war, erwischt wurde, hatte bei "sofortiger Arretirung" einen Reichstaler Strafe zu zahlen. Die damalige Polizeiverordnung ließ niemanden im unklaren:
"Keiner, der während der drei Karnevalstage verkleidet oder maskiert über die Straße geht, darf ohne besondere Erlaubnis des Polizeiamtes Degen, Säbel oder sonstige Waffen tragen. Keiner darf eine Maske oder Verkleidung wählen, durch die SittlichLit und öffentliche Ruhe gestört würden. Es ist allen Maskierten aufs schärfste untersagt, mit jemand, wer immer es sein möge, Streit zu suchen oder mit Gewalt in Häuser oder Läden einzudringen." Es war gleichfalls jedermann verboten, die maskierten Personen - in närrischer Zeit etwas seltsam - zu necken.

Die besseren Kreise vergnügten sich in jenen Tagen auf den Maskenbällen, wie sie in den ‚~Großherzoglichen Bergischen Wöchentlichen Nachrichten" beispielsweise 1811 angezeigt wurden: ~‚Samstag, den 2. Februar, öffentlicher Maskenball im großen und neu dekorierten Galleriesaale. Das Abonnement (3 Billets) zu drey dieser Bälle, welche am 2., 10. Und 17. dieses Monats gegeben werden, kostet 1 Rthlr. 30 Stüber. Eintrittspreis 40 Stüber." Das war für die kleinen Leute viel Geld, so daß sie sich an den Fastnachtstagen in preiswerteren Etablissements, "bei Masen, Schmitz oder Giesen", verlustierten. Das ging dort manchmal "so lustig" zu, wird berichtet, "daß man sich auf diesen Bällen (besser) nicht ohne Maskenanzug sehen ließ". Die richtigen, deftigen Bürger tanzten über Fastelowend bei Gilles, Kohlweck, bei Hoffmann und Jansen.


AUF DEN SPUREN DER MADAME TUSSAUD

In jenen Zeiten versuchten die Wirte auch durch Sonderdarbietungen auf ihre Kosten zu kommen. Im "Saale des Herrn Lejeune" beispielsweise zeigte 1804 "der weltberühmte Künstler Flantlaquatlapatli" am ersten Narrrentag "sein unvergleichliches Cabinet von Wachsfiguren", das "aus einer erlesenen Gesellschaft der genialsten, berüchtigtsten und interessantesten Rebellen, Räuber, Mordbrenner, Spitzbuben, Freß- und Fettwänste usw. besteht". Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett, zwei Jahre zuvor in London eröffnet, machte offensichtlich Schule. Die damalige bescheidene Tonhalle am Flinger Steinweg (heute Schadowstraße) kündigte den "in der Welt verschrienen Zauberer Philadelphius Philadelphia" an, der "zu Venedig auf öffentlichem Markte ein Knäuel Bindfaden in die Höhe warf und daran in die Wolken kletterte, bis man ihn nicht mehr sah".


CC Dank Ungehörigkeiten
Narrenhochzeit sollte stille Tage wiederbeleben"Ungehörigkeiten" führten 1825 zur Gründung des Comitees Düsseldorfer Carnevals (CC). Ungehörigkeiten auf Plattdeutsch, die eine Karnevalszeitung verbreitete, und ein Verein, der in diese Richtung paßte, mißfielen der Bürgerschaft und bewogen den Landrat von Lasberg, den Oberbürgermeister aufzufordern. Der preußische Oberst fand ohnehin Beobachtungen über einen "gewissen Leichtsinn" des Düsseldorfers bestätigt. Er sei gutmütig und jovial gelaunt und habe einen "hervorragenden Drang zu Ergözungen". Wogegen ja nichts einzuwenden war. Nur über die Stränge schlagen sollte er nicht.

So schlossen sich denn bekannte, angesehene Leute in der Stadt zusammen und bildeten das "Carnevals-Comite`", das allerdings mehr noch als die Abstellung der Ungehörigkeiten im Sinn hatte. Es galt, das Fastnachtstreiben - nicht zuletzt mit Blick auf Köln, das zwei Jahre zuvor ein "Festordnendes Komitee" gegründet und den ersten Rosenmontagszug auf die Beine gestellt hatte und durch seine närrischen Aktivitäten die Fremden noch mehr als zuvor in seine Mauern zu holen drohte - zu beleben und zu heben und ihm eine einheitliche Idee zugrunde zu legen. In der Stadt der Kunst brauchte man nicht lange nach Helfern zu suchen: Das heitere Völkchen der Künstler machte bei der guten, auch dem Wohl der Stadt dienenden Sache freudig mit. Maler, Bildhauer, Baumeister, vielfach von Rang, verstanden es, wie Kenner Georg Spickhoff formulierte, "ihren Ideenreichtum auch im Karneval mit feingeistigem, köstlichem Humor in künstlerischer Form in Festspielen und Aufzügen sowie in der Ausgestaltung und Ausschmückung von Festräumen usw. einzigartig zum Ausdruck zu bringen" - ein Thema, auf das noch an anderer Stelle gebührend eingegangen wird. Wichtige Neuerungen damals auch: Der Karneval trat erstmals als Person auf, als Held, als Vorläufer des Prinzen; es gab eine aufsehenerregende jecke Vermählung, es zog der erste Rosenmontagszug durch die kleine Stadt und auf dem heutigen Karlplatz maßen nachgemachte Ritter in einem Turnier ihr Können. Die Herren des Comites konnten sich hernach hoch zufrieden die Hände reiben.

So fröhlich und erfolgreich ging es im langen Leben des hohen CC aber nicht immer zu. Es gab so manche Hindernisse zu überwinden und manche bedrohliche Situation zu überstehen. Außerdem wandelten sich Aufgaben und Zusammensetzung des Gremiums. Selbst "ernstdenkende" Männer, die bis dahin "nur von ihren Wohnungen aus, hinter den Gardinen, dem Karnevalstreiben zugeschaut hatten", ließen sich, wie nach Darstellung eines Chronisten "einwandfrei festgestellt wurde", nun von der "Harmlosigkeit eines gut geführten Karnevals" überzeugen und machten fortan fröhlich mit. Das soll auch heute noch gelegentlich - bis in hohe Kreise der Stadt hinauf - vorkommen. Für das Comit6, die "Vereinigung Düsseldorfer Einwohner", aber war der Erfolg ein guter Grund, sich noch stärker für seine Sache zu engagieren.

Um auch die Bewohner der Umgebung in der Karnevalszeit nach Düsseldorf zu holen (und nicht etwa nach Köln abwandern zu lassen), rührte es kräftig die Werbetrommel. So erging beispielsweise - der Rhein war zugefroren - ein "Aufruf an die geliebten großen und mittleren Städte, Flecken und Dörfer jenseits unseres jetzt gangbaren Rheinstromes, zugleich Aufforderung an unsere Unterthanen, alt und jung, zur Theilnahme an unserm Huldigungsfeste Sr. Allerlustigstekeit, des Narrenkönigs".
Das Gremium beschritt noch weitere, auch in unserer Zeit teilweise akzeptable neue Wege und bat 1827


zu einer Theatervorstellung ins Haus am Marktplatz, die neben der Belustigung des Publikums das nüchterne Ziel verfolgte, das Defizit aus dem Vorjahr zu decken, in dem man bei den Ausgaben nicht gerade kleinlich verfahren war, sondern zum Besten des Karnevals begreiflicherweise ziemlich geklotzt hatte. Auf dem Programm stand eine Operette, eine "Variation des Dorfbarbiers", wie der Oberbürgermeister meinte, der, weil er in dem Manuskript "nichts Anstößiges" fand, die Aufführung genehmigte, aber das Plazet mit einer Rüge verband: Die Sache war ihm erst einen Tag vorher und mithin verspätet angezeigt worden - schließlich könne "eine solche Vorstellung", tadelte er, "ohne obrigkeitliche Erlaubniß nicht Statt haben".

Mit dem jungen Comite` verbandelt war weitgehend der "Carnevalsverein pro 1829", der spätere Allgemeine Verein der Karnevalsfreunde, den wiederum eine Anzahl Bürger aus der Taufe hob. Der Verein prägte fortan wesentlich das Bild des Düsseldorfer Karnevals.

Die Zügel in der Frühzeit der neu belebten alten Narrheit hielt der "permanente Ausschuß" eines "Närrirschen Parlaments" in Händen. Er setzte sich aus elf hochangesehenen Bürgern zusammen, die am Elften im Elften ihre erste Sitzung abhielten; das Parlament bildeten alle Narren, die ihren Jahresbeitrag bezahlt hatten und als Zeichen der Gleichheit die Narrenmütze trugen - sie trafen sich an einem bestimmten Tag der Woche zu einer "pudelnärrischen" Sitzung, in der sich oft auch Prinz Friedrich von Preußen, gefolgt vom hohen Adel, sehen ließ.

Die heutigen Mundartfreunde Düsseldorf werden es mit Vergnügen registrieren (und zur Nachahmung empfehlen): In jenem Parlament wurden die Verhandlungen nach alter Väter Sitte vornehmlich in Platt geführt.

Das Jahr 1825 war für den Düsseldorfer Karneval aus vielerlei Gründen bedeutungsvoll. In ihrer Ausgabe von Donnerstag, 3. Februar, weist die "Neue Düsseldorfer Zeitung, Politisches, Unterhaltungs- und Anzeige-Blatt" unter dem Titel "Karnevalsfeyer in Düsseldorf" auf eine "Gelegenheit" hin, "die seit einigen Jahren hier so still gebliebenen Karnevalstage" wieder attraktiver zu machen und zu verhindern, daß die Fremden zu karnevalistischem Vergnügen allesamt nach Köln führen. Diese Gelegenheit, ist da zu lesen, "giebt die in unserer guten Stadt wohnende ehrsame und tugendhafte Jungfer Priska Petronella Düsselblashorn, die sich seit undenklichen Jahren mit dem auf der Universität zu Dülken patentisirt gewesenen Nachtwächter Giselinus Schmerzenbier in traulichen Liebesbanden verschlungen gefunden, sich aber als eine Tochter einer Residenzstadt zum ehelichen Verbande mit einem Nachtwächter schlechtweg nicht glaubte entschließen zu dürfen.



Da es aber nun weltbekannt worden, daß der ehrbare Nachtwächter Giselinus Schmerzenbier am 7ten Tage des jungen Lichts im Jahr 13,699 der Universität und im 5772ten der berittenen Akademie zu Dülken zur hohen Würde eines Gesandten am Hofe des Prinzen Lusterius Karnaval ernannt worden ist, so hat nach einem kurzen Kampfe mit ihrer Jungfräulichkeit sich hierauf die obengenannte Jungfer zur förmlichen Eheverbindung mit dem nunmehrigen Gesandten entschlossen. Dieses ist nun das große Fest, wozu Einladungs-Karten an einige tausend Personen in der Nähe und Ferne und an alle Stände ertheilt worden, so daß das bunte Gemisch der verschiedenen Charaktere und Nationen, auch der hohe Anstand, durch die versprochene Gegenwart des Prinzen und Helden Karnaval in Höchsteigner Person, nichts mehr zu wünschen übrig lassen wird".

Punkt für Punkt wird in dem Blatt dann aufgelistet, was die Besucher an den Karnevalstagen alles erwartet. Bei seiner Rückkehr aus Dülken, wo "schwierige Punkte und Pünktchen hinsichtlich der Verehelichung" geklärt werden sollten, wird das Brautpaar am Sonntag nachmittag auf der "fliegenden Brücke" mit "schwerem Geschütz und klingendem Spiel" empfangen, abends folgen großes Theater und großer Ball; nach dem Brautzug am Montag vom Museum am Burgplatz aus durch "die schönsten Straßen der Stadt und die herrlichen Umgebungen" stehen wieder Theater und Ball ins Haus; nach einem Bankett der Stadt zu Ehren des Brautpaars auf dem Karlstädter Markt steigt am Dienstag in einem eigens dort eingerichteten Amphitheater mit entsprechendem Platz ein Ringstechen zu Pferde; für den Abend sind erneut großes Theater und ein Ball mit "förmlicher Vermählung" angesagt. Es lief weitgehend auch alles wie angekündigt ab. Am Abend des Donnerstags vor Fastnacht gab es beim Verlobungsball im Museum jedoch eine handfeste Auseinandersetzung zwischen Priska und ihrem Giselinus. Es war sozusagen der erste Knatsch im neuformierten Düsseldorfer Karneval - oder schien es wenigstens zu sein.

"Urplötzlich, mag der Himmel wissen, wie es kam, es war schon ziemlich spät bzw. früh, entstand", so ein Chronist, "ein furchtbarer Krach zwischen den Brautleuten", die nach einem Verlobungstänzchen wieder Platz genommen hatten und von hoher Warte der "reichgeschmückten Gesellschaft mit Vergnügen" zuschauten. Besagter Krach hätte beinahe die "ganze Ballveranstaltung zerrüttet und der so glorreich begonnenen und fröhlich verlaufenen Nacht ein jammervolles Ende bereitet.



Über diese "fliegende Brücke" kehrte das zerstrittene jecke Paar versöhnt nach Düsselorf zurück.

Einige Mummelgreise, die den Blick nicht von der schönen schlanken Priska mit ihren reichen blonden Flechten um das jugendliche Haupt wenden konnten und den Giselinus um sie schwer beneideten, wollen beobachtet haben, daß Braut und Bräutigam.. .sich wiederholt etwas in die Ohren gelispelt hätten. Dabei scheine unvorsichtigerweise auf etwas die Rede gekommen zu sein - vielleicht auf Standesverhältnisse oder Heiratsskrupel oder dgl. -‚ was zu einer Meinungsverschiedenheit geführt habe. Auf einmal und ganz unerwartet müsse dann wohl - allerdings unsichtbar - ein Dämon zwischen das vordem so einstimmig und fröhlich gewesene Brautpaar getreten sein, um in tückischer Weise den Funken des kleinen Zwistes zu einer hellen Flamme anzublasen. Denn wie von der Tarantel gestochen sei der Herr Bräutigam plötzlich aufgesprungen und habe - dadurch sehr unangenehm an seine frühere Charge als Nachtwächter erinnernd - seiner hohen schönen Braut allerhand Grobheiten gesagt.

In diesem Moment wurden die ganzen Festgäste auf den Streit aufmerksam. Sie sahen, wie auch Priska sich blitzschnell erhob - die muskulösen Arme in die Seite gestemmt -‚ in Positur vor ihrem Geliebten sich aufpflanzte und als echtes Düsseldorfer Mädchen aus der Altstadt ihm nicht zu knapp Antwort gab und den Wurm segnete. Giselinus konnte gegen sie nicht ankommen. Er rannte spornstreichs zum hellerleuchteten Saale hinaus, die zornige Braut hinter ihm her, dann, zum Erstaunen der prächtigen Versammlung, mit gewaltigem Toben auch das Gefolge des hohen Paares und die Professoren der Dülkener Fakultät, die alle ihres bisherigen pathetischen Charakters nicht eingedenk waren und die entrüsteten Naturgefühle der hohen Herrschaften teilten. Gleichsam wie eine halbe Geistererscheinung endigte die ganze Szene, die, nach der allgemeinen Heiterkeit zu urteilen, gar nicht so nervenaufregend auf die weiter feiernde Ballgesellschaft gewirkt zu haben scheint".
Wie es Eigenart manches Blattes ist, hatte die "Neue Düsseldorfer Zeitung" alles schon eine Woche vorher gewußt und im Programm die Notwendigkeit der Beseitigung "schwieriger Punkte und Pünktchen hinsichtlich der Verehelichung" angekündigt. In Dülken, wohin das entzweite Paar am Freitagmorgen aufbrach, wurden dann die Streitigkeiten in langen und schwierigen Verhandlungen, wie es hieß, geschlichtet. Bei der Rückkehr über die "fliegende Brücke" nach Düsseldorf am Fastnachtssonntag jubelte eine "ungeheure Volksmenge" den Brautleuten zu. Ein prächtiger Wagenzug brachte sie zu ihrem Palais. Bei einer Festvorstellung im Theater am Marktplatz und dem großen Kostümball, an dem auch Held Karneval mit Gefolge teilnahm, herrschte wieder, um mit dem Chronisten zu sprechen, "jener magische Zustand der Freude, der alle Jahre nur einmal, nämlich bloß zur Fastnachtszeit, hier unter´m Monde zu finden ist".

Man muß im Karneval, um ihn attraktiv zu machen, halt - und das gilt nach wie vor - Ideen haben...



DÜSSELDORF

ALS JECKES ZIEL BELIEBT

Schon im späten 18. Jahrhundert war

Düsseldorf an den Karnevalstagen das Ziel vieler Auswärtiger, vor allem aus dem Bergischen Land und vom Niederrhein. Wie sehr den Fremden das närrische Treiben hier gefiel, geht aus einem Brief hervor, den der "churkölnische Hofrat Goebel zu Rheinberg" von seinem Bruder erhielt: "Unbeschreiblich ist diese drey Tage", heißt es darin, "der aufzug der Masquen gewesen, worunter ganze Compagnien zu 40, 50, ja 60 Personen verkleidet und viele recht mit geschmack waren, die straßen auf und ab, und legten besuche bey ihren Freunden ein. Die Bälle sind auch stark frequentierd... Bey meiner Retour werde ich einen ganzen Tag zu erzählen haben."



Der Erste Rosenmontagszug

Held Karneval wollte die Stadt sehen

Die Geburtsstunde des Düsseldorfer Rosenmontagszuges schlug am 14. Spörkel (Februar) 1825. Zu verdanken war jener erste Zug dem Helden Karneval, der laut Chronik eine "unwiderstehliche Lust" verspürte, "die ihm bereits im fernen Auslande so sehr gerühmte Rheinstadt an der Düssel und deren schöne Straßen, Alleen und Umgebungen in hohen Augenschein zu nehmen". Aus relativ bescheidenen Anfängen - damals zählte Düsseldorfer gerade mal 25 000 Einwohner - entwickelte sich dann im Laufe der Zeit das farbige Ungetüm, das die Düsseldorfer seit langem liebevoll "dä Zoch" nennen.

Held Karneval nahm, wie schon beschrieben, damals an der Narrenhochzeit seines Gesandten "Giselinus von und zu Schmerzenbier von der Fakultät der Dülkener Narrenakademie" mit dem "wohlachtbaren Fräulein Priska Petronella Düsselblashorn aus der Altstadt" teil. Nach der Mittagstafel holten das Brautpaar und die zahlreichen in- und ausländischen Hochzeitsgäste S. Tollität ab und gaben ihr in einem (für damalige Verhältnisse) prächtigen Zug, zu dem die Ersten der Stadt den hohen und höchsten Narren ihre Wagen und Geschirre überlassen hatten, das Ehrengeleit. "Diesem ersten Düsseldorfer Rosenmontagszuge voran ritt auf einem hier noch nie gesehenen grünen Esel (einen "Grünen Esel" gab‘s wohl als Wirtshaus auf der heutigen Königsallee, damals Mittelallee) der reich und in den Narrenfarben Grün-Rot Gelb-Weiß buntscheckig ausstaffierte Zugführer", griff Georg Spickhoff

ursprüngliche Schilderungen auf "Der Zugführer trug eine selbstverständlich ganz kostbare Fahne mit der Inschrift: ‚Dülken und Düsseldorf, welche wichtigen Punkte der Erde zur Fastnachtszeit in naher Verwandtschaft stehen. Ihm folgten ein Kurier, ein Musikkorps, mehrere Trompeter und der - wenn auch etwas stark gepuderte - schöne Götterbote Merkurius.. Dann sah das entzückte Auge den in orientalischer Pracht strahlenden Helden Karneval, begleitet von seinem Hofmarschall Kalb, dem Zeremonienmeister, dem Dülkener Windmühlenträger als Hofnarr, einem Kinde und sechs geschmackvoll gekleideten Adjutanten zu Pferde. Weitere imponierende Gruppen bildeten ein ‚tatsächlich brillanter‘ Zug von 24 Rittern mit ihrem Obersten Otto von Wittelsbach an der Spitze und, von Reitern eskortiert, eine Anzahl fremder Prinzen und Gesandter, aus deren ‚charakteristischem Exterieur‘ die von ihnen vertretenen Höfe unschwer zu erraten waren.

In der zweiten Abteilung erschien nach einem Kurier, einer Musikkapelle und dem Kommandanten der Dülkener Miliz nebst seinem Adjutanten im mehr bürgerlich-soliden Schmuck das hohe Brautpaar Priska-Giselinus. Mit ihm kamen die beiderseitigen ehrbaren Eltern, viele Freunde und Freundinnen und mehrere ausländische Diplomaten. Dann folgte eine dralle Dienstmagd bzw. die vormalige Erzieherin der jetzt so sehr erhöhten Braut mit einer betagten Gesellschaftsdame. Auch die Leibärzte Sr. Tollität, der Braut und des Bräutigems fehlten nicht. Weiter erblickte man im bunten Wirrwarr und voller Leben und Beweglichkeit die früheren Gespielinnen und Nachbarinnen Priskas aus der Altstadt, dagegen bedächtig und würdig einherschreitend edle Dülkener Ratsherren in ihrer merkwürdigen altertümlichen Tracht, ferner viel Volk und den Dülkener Schulmeister, der seine Schuljungen in den Zwischenpausen der s Musik das passende Lied singen ließ: ‚Wir winden dir den Jungfernkranz.‘ Den Schluß machte endlich der Nachfolger des glücklich beförderten Giselinus auf dessen früherem Nachtwächterpostens.

Er ritt einen asiatischen Maulesel und stieß, sobald die Schulbuben zu singen aufhörten, mehrmals mächtig und furchtbar prächtig in sein Horn, was dem imposanten Zuge etwas Frappantes, Aufregendes und Ungewöhnliches gab."

In Versen bejubelt wurde der Umzug des "Helden" hernach natürlich auch:

"Und mit Glanz und selt‘nen Sitten, mächtig wie ein Poten tat, zieht Sir Karneval beritten durch die Straßen unserer Stadt. Auch der Park und die Alleen und des Rheinstroms hehre Pracht und, was sonst noch schön zu sehen, was die Stadt berühmt gemacht, fesselt unsers Helden Blicke, überrascht ihn wunderbar..."

Überall äußerte "Sir Karneval" seine Bewunderung "und gab begeistert zu verstehen, daß er unsere schöne Rheinstadt, die so ganz für seine und seiner Ritter Prachtliebe sich eigne, von nun an jedes Jahr mit einem stets größeren und imposanteren Gefolge besuchen werde".

"Unermeßlich" war schon damals die Zahl der Zuschauer, die den Zug, dessen Vorbeimarsch eine gute halbe Stunde dauerte, bejubelten. "Selbst Blinde hatten sich. ..an die durchzogenen Straßen führen und den Zug beschreiben lassen."

Quelle:
Alfons Houben
3 x Düsseldorf Helau
Die Geschichte des Düsseldorfer Karnevals
Herausgegeben vom Comitee Düsseldorfer Karneval e.V.
zum Jubiläumsjahr 2000


Zurück zum Anfang


Startseite | Impressum | Kontakt